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Ein Gespräch mit Steven Reiss

Herausfinden, was uns motiviert

Benannt ist das Reiss Profile nach Dr. Steven Reiss, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der US-amerikanischen Ohio State University. Nachdem er gemeinsam mit dem Mediziner Richard McNally, heute Professor in Harvard, zunächst vor allem Angststörungen und psychische Gesundheitsprobleme von Menschen mit Entwicklungsverzögerungen erforschte, wandte sich Reiss Mitte der 1990er Jahre dem Themenfeld der Motivationsforschung zu. Im Fokus standen und stehen dabei die wichtigsten Lebensmotive der Menschen und deren Einfluss auf Wertehaltungen und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Herr Dr. Reiss, wie sind Sie an die Motivationsforschung herangegangen?

Reiss: Begonnen haben wir mit der Frage „Was wollen die Menschen eigentlich und welche Wünsche bestimmen ihr Handeln?“ Wir waren weltweit das erste Forscherteam, dass dieser Frage empirisch nachging und Menschen dazu befragte, wonach sie streben. Das heißt, wir erstellten eine lange Liste möglicher Bedürfnisse und ließen die Befragten bewerten, wie stark sie diese anstreben. Anhand mathematischer und psychometrischer Verfahren filterten wir dabei sechzehn fundamentale Bedürfnisse heraus. Aus diesen entwickelten wir das Reiss Profile, ein einzigartiges und sehr zuverlässiges Instrument, um die individuellen Motive und Werte zu messen und Verhalten vorherzusagen.

Ihr erstes Buch zu diesem Thema trägt den Titel „Who am I?“ Darin gehen Sie auf den Begriff des „werteorientierten Glücks“ ein. Was meinen Sie damit?

Reiss: Werteorientiertes Glück heißt für mich das Glück, das aus der Befriedigung von Lebensmotiven resultiert. Dies steht im Gegensatz zu einem allein situativen Empfinden. Sigmund Freud hat einmal gesagt, wir seien vor allem durch Triebe und psychische Energie motiviert. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir sagen, dass menschliches Verhalten aus dem Streben nach der Befriedigung der Lebensmotive resultiert.

Dabei gehen Sie von sechzehn Lebensmotiven aus, die das menschliche Handeln ausmachen. Können Sie uns diese Motive kurz in ihrer Relevanz für die Arbeitswelt vorstellen?

Reiss: Das ist ein sehr komplexes Thema ist, aber ich will es versuchen. Man kann sagen, dass „Anerkennung“, „Rache / Kampf“ und „Ruhe“ die psychologischen Motive des Profils sind. Während zum Beispiel „Rache/Kampf“ das Streben nach Konfliktvermeidung auf der einen und Wettkampf und Siegenwollen auf der anderen Seite zeigt, misst das „Ruhe“-Motiv unser Bedürfnis nach Angstvermeidung bzw. Risikofreude. Es lässt zum Beispiel Aussagen über die Stressresistenz von Menschen zu. In einen Führungskontext gestellt, sind auch Motive wie Macht, Unabhängigkeit, Ehre, Idealismus, Neugier, Status, Sparen, Ordnung und Beziehungen relevant. Die restlichen Motive körperliche Aktivität, Ernährung, Eros und Familie seien hier der Vollständigkeit halber erwähnt.

Steven Reiss im Interview

Wie muss man sich die Arbeit mit dem Reiss Profile in der Praxis vorstellen?

Reiss: Alle die genannten Motive werden in einem Test erfasst und lassen sich anhand der Ausprägung im Profil analysieren. Dabei gilt: Die durchschnittliche Ausprägung eines Motivs gibt keine großen Aufschlüsse über die Persönlichkeit, denn das vorhandene Bedürfnis wird von der Gesellschaft als „normal“ empfunden. Soll heißen: Ein Mensch muss keine besonderen Verhaltensweisen oder Gewohnheiten entwickeln, um das entsprechende Bedürfnis erfüllt zu bekommen.

Anders sieht es mit sehr stark oder sehr schwach ausgeprägten Motiven aus. In diesem Fall ist das Bedürfnis nicht die Norm. Vielmehr muss das Individuum besondere Verhaltensweisen und Gewohnheiten entwickeln, um die in diesen Bereich fallenden Motive regelmäßig erfüllt zu bekommen und eine Gefühlstiefe zu erreichen. Das Reiss Profile lässt somit Aussagen über Bedürfnisse, Werte und unveränderliche Wesensmerkmale zu.

Welche Motivkombinationen sind besonders interessant?

Reiss: Da gibt es verschiedenste Varianten. Doch Status und Macht beispielsweise sind zwei Motive, die sich verstärken. Erfolgsorientierte Menschen tendieren dazu, eine hohe Ausprägung der Motive „Status“ und „Macht“ zu haben.

Lassen sich aus den Motiven bestimmte Persönlichkeitstypen ableiten?

Reiss: Ich möchte das so nicht mit „ja“ beantworten, denn es führt schnell zu Stereotypen. Und unser Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er das Individuum betont. Wir Menschen unterscheiden uns extrem hinsichtlich unserer Lebensmotive. Da wir diese Bedürfnisse auch ausdrücken wollen, können hier Konflikte entstehen. Durch die Sensibilisierung dafür, wie sich Motivationsprofile unterscheiden, fördert unser Ansatz die Toleranz und Wertschätzung für die Unterschiede zwischen Menschen.

In Ihrem neuen Buch „The Normal Personality: A New Way of Thinking About People“, das im Frühjahr 2008 erscheint setzen Sie sich intensiv mit unterschiedlichen Verhaltensweisen auseinander. Was ist der neue Weg des Denkens über Menschen, den Sie dabei aufzeigen wollen?

Reiss: Für mich lautet die entscheidende Frage, wer eigentlich definiert, welche Verhaltensweisen wir als gesund oder krank empfinden? Wir neigen oftmals dazu, Andersdenkende abzulehnen oder vorschnell als psychisch krank einzuordnen. Man kann menschliches Handeln jedoch auch ganz anders betrachten. Hinter persönlichen und Beziehungsproblemen verbergen sich oft ganz „normale“ Bedürfnisse. Es geht um eine Weiterentwicklung meiner Motivationstheorie und die Anwendung auf unterschiedliche Lebensbereiche – zum Beispiel Führungssituationen und Alltagskommunikation.

In Deutschland wird das Reiss Profil in den letzten Jahren sehr erfolgreich in der Arbeit mit Spitzensportlern eingesetzt. Beispiele sind die Handballnationalmannschaft der Männer, die Biathletinnen und Biathleten, aber auch einige Fußballbundesligisten. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Reiss: Ich begrüße das außerordentlich. In Deutschland ist es so, dass Peter Boltersdorf, der selbst jahrelang sehr erfolgreich im Spitzensport trainiert hat, das Reiss Profile in den Sportbereich eingeführt hat. Er arbeitet dabei direkt mit den Trainern und den Sportlern und zeigt zum Beispiel, wie der Athlet sein Verhalten in Stress-Situationen verbessern kann. Er schaut aber auch auf das Verhältnis zwischen Trainer und Athleten oder zwischen den Spielern eines Teams. Das Reiss-Profil ist mittlerweile sogar zu einem Teil der Ausbildung an der Deutschen Trainerakademie geworden.

Interview Steven Reiss 2

Welche weiteren Anwendungsfelder gibt es?

Reiss: Sie können die Methode überhaupt dort einsetzen, wo es darum geht, Mitarbeiter auszuwählen, zu motivieren und zu führen. Wie leistungsfähig ein Mitarbeiter ist, das wird in erster Linie durch „Wissen“, „Können“ und „Wollen“ definiert. Der Aspekt des „Wollens“ wird meiner Meinung nach bislang jedoch vernachlässigt. Das Problem dabei ist, dass Motivationsdefizite sich nicht durch Qualifikationsmaßnahmen kompensieren lassen. Genau hier bietet das Reiss Profile Unterstützung. Mit seiner Hilfe lassen sich die überdauernde Motive und Werte von Mitarbeitern erfassen und ihr Verhalten vorhersagen. Führungskräfte können so ihr eigenes Führungsverhalten optimieren. Bei der Personalauswahl unterstützt das Profil dabei, die richtigen Leute an den richtigen Platz zu setzen. Das sind nur wenige Beispiele, die sich beliebig fortführen ließen. 

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Was sind für Sie die wichtigsten Ziele Ihrer weiteren Arbeit?

Reiss: Ich denke, dass wir mit dem Reiss Profile eine sehr gute und effiziente Methode entwickelt haben, um Menschen in ihrer Persönlichkeit zu stärken und zugleich ihre Leistungsbereitschaft zu steigern: egal ob im Sport oder in der Wirtschaft. Mein Wunsch ist, dass es uns gelingt, im wirtschaftlichen Umfeld zum Entstehen einer neuen Kultur in der Personalarbeit beizutragen. Letztlich geht es ja auch darum, die Eigenverantwortung der Beteiligten zu fördern und sie dort abzuholen, wo sie ihre Motivation finden.

Vereinfacht gesagt: Wenn man wissen möchte, was Menschen in Zukunft tun werden, muss man zuerst herausfinden, was sie wirklich wollen – und dann davon ausgehen, dass sie diese Wünsche und Bedürfnisse in ihrem Handeln auch befriedigen werden.

Interview als Download.

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